Die Geschichte der Washingtonia (197)
Die Schlaraffia Washingtonia ist das Schlaraffenreych der amerikanischen Bundeshauptstadt. Sie trägt die Reychsnummer 197, führt die Reychsfarben Grün-Weiß und besteht seit 1914. Damit gehört sie zu den ältesten deutschsprachigen Kulturvereinigungen Washingtons. Ob in all diesen Jahrzehnten ohne Unterbrechung gesippt wurde, ist im vorliegenden Material nicht belegt — darum steht hier nur: seit 1914.
28. Lenzmond a. U. 55 — ein Reych in der Hauptstadt
Das Reychsarchiv nennt den Tag: 28. Lenzmond a. U. 55. Lenzmond ist der März, a. U. heißt anno Uhui und zählt von 1859, dem Gründungsjahr der Allmutter Praga in Prag. Der 28. Lenzmond a. U. 55 ist also der 28. März 1914. Der Bestand dieser Seite überliefert, daß die Allmutter Praga die Gründungsbewilligung für eine Colonie in Washington erteilte; ein Jahr später, 1915, wurde die Colonie sanktioniert und damit zum vollwertigen Reych erhoben. Reychsnummer und Reychsfarben stehen seither in der Stammrolle.
Welches der beiden Jahre das Reych als sein Gründungsjahr zählt, lassen die Belege offen. Die Jubiläumszählung folgt überwiegend 1914 — das 80. Gründungsfest fiel auf 1994, das 90. auf 2004 —, das 100. Gründungsfest wurde aber am 17. Wonnemond 2015 begangen, was von der Sanktion 1915 her gerechnet ist. Wonnemond ist der Mai. Beide Lesungen stehen hier nebeneinander; keine ist zur gültigen erklärt. Hinzu kommt eine zweite Frage: Die belegten Stiftungsfeste liegen im Wonnemond, der Gründungstag aber im Lenzmond.
Vier Monate nach dem Gründungstag begann in Europa der Erste Weltkrieg. Im Hornung 1917 — Hornung ist der Februar — brachen die Vereinigten Staaten die Beziehungen zum Deutschen Reich ab; die Botschaft an der Massachusetts Avenue, seit 1894 bezogen, wurde geräumt und erst 1921 wieder besetzt. In derselben Zeit verschwand die deutsche Sprache aus dem amerikanischen Alltag: Nach 1917 war sie öffentlich kaum mehr zu hören, die meisten deutschsprachigen Zeitungen stellten ein, Kirchen und Schulen wechselten ins Englische. In Chicago sank die Zahl derer, die sich gegenüber dem Zensus als in Deutschland geboren bezeichneten, von 191.000 im Jahr 1910 auf 112.000 im Jahr 1920.
In diesen Jahren entstand und bestand ein Reych, in dem ausschließlich deutsch gesprochen wird. Das ist der Satz, der über der ganzen Washingtoner Geschichte steht.
Das deutsche Washington, in das das Reych hineingegründet wurde
Die Stadt war keine leere Fläche. Bereits 1851 gründeten junge Deutsche aus dem Chor der Concordia-Kirche an der 20. und der G Street den Washington Sängerbund. Er sang 1865 die Ehrenwache am Sarg des ermordeten Präsidenten Lincoln — Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“ — und zählte zum fünfzigsten Bestehen 1901 über dreitausend Mitglieder. Seit dem 19. Dezember 1893 hatte er eine eigene Halle in der C Street.
Was dann kam, beschreibt die Lage des Deutschtums besser als jede Klage: 1929 stellte der Sängerbund seinen Betrieb ein — wirtschaftliche Not und die Prohibition, die den deutschsprachigen Wirtshäusern die Grundlage nahm. Die Halle war verloren. Erst 1934 gründete sich ein Männergesangverein, der 1937 den alten Namen wieder annahm.
Die Washingtonia hat dieselben Jahrzehnte durchlebt. Wie sie es getan hat, steht in den Unterlagen, die dem Reych selbst vorliegen; das hier ausgewertete Archivmaterial schweigt zwischen 1937 und 1965. Der Bogen ist damit nicht geschlossen, aber die Frage ist gestellt — und sie ist die eigentliche Frage dieser Seite: Wie hält sich ein deutschsprachiges Reych in einem englischsprachigen Land, wenn die Sprache selbst verdächtig wird?
Heute steht dem Reych ein anderes Washington gegenüber. Die Bundesrepublik bezog 1955 eine Kanzlei in Foxhall, 1964 den heutigen Bau von Egon Eiermann an der Reservoir Road — ein Haus, das ausdrücklich als Gegenentwurf zur Architektur der Nationalsozialisten gedacht war. Im Ostermond a. U. 130 — Ostermond ist der April, das Jahr 1989 — feierte die Washingtonia ihr 75. Stiftungsfest in der deutschen Botschaft in Washington, mit Einritten bis aus Europa.
1920 — eine Überlieferung, die noch zu prüfen ist
Der Bestand dieser Seite erzählte von drei Rittern, die aus sibirischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten und bei einer Feldsippung in der „Schwimmenden Burg Mount Vernon“ in Norfolk in Virginia schlaraffische Fürsorge fanden. Eine Feldsippung ist eine Sippung außerhalb der eigenen Burg. Diese Begebenheit ist im hier ausgewerteten Archivmaterial nicht nachzuweisen — sie steht deshalb als Frage, nicht als Bericht.
Die Spur ist es wert, verfolgt zu werden. Ein Schiff dieses Namens gab es: Die „Mount Vernon“ war bis 1917 der Norddeutsche-Lloyd-Dampfer „Kronprinzessin Cecilie“, 1906 in Stettin gebaut, 1914 in Bar Harbor interniert und 1917 beschlagnahmt. Von Lenzmond bis Heumond 1920 — Heumond ist der Juli — brachte sie deutsche Kriegsgefangene von Wladiwostok nach Hamburg. Name, Jahr und Gefangenentransport aus Sibirien treffen zusammen. Ob die Feldsippung auf diesem Schiff stattfand, ist damit nicht belegt. Die Frage gehört ins Reychsarchiv und an das Reych — wird sie bestätigt, ist das eine eigene, sehr gute Seite.
Hauptstadtreych: kommen und gehen
Ein Reych in der Bundeshauptstadt hat eine Eigenschaft, die andere Reyche nicht kennen: Seine Sassen werden versetzt. Der Chroniktext erzählt es ohne Klage und darum umso deutlicher. A. U. 134 — 1993 — wurde ein erst kurz zuvor geschlagener Ritter profan nach Deutschland versetzt und verließ das Reych. Von einem dreifachen Ritterschlag derselben Jahrung gingen zwei innerhalb weniger Jahrungen wegen Umzugs. Und umgekehrt kommen Sassen aus anderen Reychen an: Ein Ritter der Herbipolis (84) siedelte nach Amerika über, wurde Sasse der Washingtonia und deren Junkermeister.
Aus derselben Nachbarschaftslage kommt eine Einrichtung, die man sich nicht besser ausdenken könnte: Weil das Reych und das Nachbarreych Baltimora beide klein waren, wurden die zweiwöchentlichen Sippungen so aufeinander abgestimmt, daß jeder Sasse bei beiden einreiten konnte. Zwei kleine Reyche ergaben so ein volles schlaraffisches Leben. Nach der Auflösung der Baltimora kamen sieben ihrer Sassen zur Washingtonia.
Daß die Hauptstadt auch Tagungsort ist, zeigt der 5. und 6. Ostermond a. U. 160 — 2019: Der vollzählige Rat des Landesverbandes Nordamerika tagte in Washington, D.C. im Reych Washingtonia.
Die Potomac-Burg und die Reyche der Ostküste
Die Burg der Washingtonia trägt den Namen des Flusses, an dem die Stadt liegt: Potomacburg. Sie liegt im Concord Club, 2434 Wisconsin Avenue N.W., Washington, DC 20007 — dem privaten Geselligkeitsklub der Deutschamerikaner der Hauptstadt, mit dem der Washington Sängerbund verbunden ist. Die Burg hängt damit an genau jenem Netz deutschsprachiger Vereine, von dem der vorige Abschnitt erzählt. Mehr über die Burg auf der eigenen Seite.
In der Potomac-Burg trugen auch andere ihre Reychsfehden aus: am 8. Herbstmond 1973 — Herbstmond ist der September — Bostonia gegen Totowa, in einem weiteren Beleg Filadelfia gegen Baltimora. Eine Fehde im schlaraffischen Sinn ist ein Wettstreit in Witz und Kunstfertigkeit, der mit Versöhnung endet, nicht mit Groll.
Die Reyche der amerikanischen Ostküste waren untereinander seit jeher eng verbunden. Das sechzigste Stiftungsfest der Washingtonia begann im Wonnemond 1974 mit einer Vorsippung der hohen Baltimora aus dem benachbarten Maryland.
1978 — der größte Einritt der Reychsgeschichte
Den größten Einritt ihrer Geschichte erlebte die Washingtonia am 31. Lethemond 1978 — Lethemond ist der Oktober. Zur eintausendfünfhundertvierunddreißigsten Sippung ritten 146 Sassen aus 36 Reychen ein.
Über das Alter des Reyches an diesem Tag war der bisherige Text mit sich selbst uneins: Er nannte erst fünfundsechzig, dann vierundsechzig Jahre. Von 1914 gerechnet waren es vierundsechzig. Die Altersangabe steht deshalb nicht mehr hier; was zählt, ist die Zahl der Sippungen. Wer in sechs Jahrzehnten über fünfzehnhundert Mal zusammenkommt, tut das nicht aus Pflicht.
Was die Jahrungen füllt
Aus den Belegen des Archivs und dem Chroniktext läßt sich ablesen, woran dieses Reych seine Jahrungen misst.
Die Sippungszahlen. Am 9. Lenzmond 1974 feierte die Washingtonia einen sechsfachen Ritterschlag und gleichzeitig ihre 1.400. Sippung. Im Hornung a. U. 144, also im Februar 2003, wurde die 2.000. Sippung begangen. Die Eröffnungsschlaraffiade der Winterung 2026 trägt die Nummer 2.395. Wer über zweitausenddreihundert Mal zusammenkommt, tut das aus Freude.
Die Feste. Das 70. Stiftungsfest fiel in die Jahrung 124–125, das 75. 1989 in die deutsche Botschaft, das 80. Gründungsfest in a. U. 135 (1994), das 90. in a. U. 145 (2004) — mit Einritten aus zwölf Reychen und einem Ausklang beim Katerfrühstück am zweiten Tag — und das 100. Gründungsfest auf den 17. Wonnemond a. U. 156 (2015).
Die Ehrungen. A. U. 147 — 2006 — wurden zwei Ritter in feierlichem Zeremoniell für ihre fünfzigjährige Zugehörigkeit zu Schlaraffia geehrt.
Die Freundschaft. Eine Fehde im schlaraffischen Sinn endet mit Versöhnung. Im Eismond a. U. 148 — dem Jahr 2007 — ritt ein stattliches Fähnlein der Washingtonia in die Filadelfia ein, wo zum ersten Mal um eine von einem Sassen der Washingtonia gestiftete Freundschaftskette geturniert wurde.
Die Ahalla. In den Jahrungen 145 bis 147 erschütterte das Reych der Ahallaritt der Sassen Pollutus, Phys-o-phil, Austerius und ER Patsch-Nass. Schon am 4. Windmond 1976 — Windmond ist der November — hatte das Reych in einer Ahallafeyer seiner Verstorbenen gedacht. Ihnen bewahrt die Washingtonia ein ehrendes Andenken.
Columbia — der Name, der beides trägt
Der Bundesdistrikt heißt nach Christoph Columbus: „Columbia“ war die weibliche, dichterische Form seines Namens und ein gängiger poetischer Name für die Vereinigten Staaten, als die Stadt am 9. September 1791 nach Präsident Washington benannt wurde. Als 1911 sechzig Schlaraffen aus Europa zum Ahamerika-Ritt aufbrachen, schrieb einer von ihnen vom Zug „nach den Gestaden der jungfräulichen Columbia“.
Und derselbe Name trägt einen Orden: den Kolumbus-Orden, der zu den Reychen Denvera und Washingtonia gehört. Er wird in zwei Klassen verliehen — die zweite für den Einritt in mindestens neunzehn Reyche des Landesverbandes Nordamerika, die erste für den Einritt in alle Reyche des Landesverbandes, die mindestens zwei Jahrungen bestehen. Wer alles ein zweites Mal bereitet, erhält einen Anhänger mit der Inschrift „Doppelreiter“. Wie die gemeinsame Trägerschaft der beiden Reyche heute geregelt ist und wie viele Reyche derzeit zu bereiten sind, ist beim Großmeister des Ordens zu erfragen.
Dazu führt die Washingtonia eigene Einrittorden, unter ihnen den Titul „Herr der sieben Meere“ für den Einritt in zehn verschiedene Überseereyche und den „Korsar der Galeere vom Lacus potamicus“ — Lacus potamicus, das Potomac-Wasser, nach dem auch die Burg heißt.
Deutsche Sprache und Kultur in der Hauptstadt
Die Washingtonia pflegt in Washington, D.C. seit über einem Jahrhundert die deutsche Sprache, den Humor, die Kunst und die Freundschaft. Gesippt wird auf Deutsch.
Der Rhythmus hat sich dabei gewandelt. Der Chroniktext beschreibt zweiwöchentliche Sippungen, abgestimmt mit der benachbarten Baltimora; die Sippungszählung — 2.000. Sippung 2003, Nummer 2.395 im Jahr 2026 — ergibt rund siebzehn Sippungen je Jahrung. Der Seitenkopf dieser Uhunetzseite nennt heute den ersten Montag im Monat. Wann und warum sich der Rhythmus geändert hat, ist in den hier ausgewerteten Unterlagen nicht verzeichnet.
Wer die Sprache spricht oder sie lernen möchte, wer Freude an Musik, Wortspiel und geselliger Runde hat, ist als Gast willkommen. Die ersten Besuche sind frei und unverbindlich, und niemand muss etwas können außer Zuhören.
Die geschichtlichen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung; der profane Rahmen ist mit öffentlichen Quellen belegt. Wo eine Lesung unsicher ist, steht es im Text.
Offen und darum hier nicht als Tatsache behauptet: das Gründungsjahr — 1914 (Bewilligung) und 1915 (Sanktion) stehen beide im Material, und die Jubiläumszählung folgt nicht durchgehend einem der beiden; die Durchgängigkeit des Sippens, weil zwischen 1937 und 1965 kein Reychsbeleg vorliegt; die Feldsippung von 1920; der Ort, an dem das Reych vor dem Concord Club sippte. Das Archiv verzeichnet ein Mutterreych „R008“; die Nummer 8 trägt die Colonia Agrippina in Köln — ob damit Köln gemeint ist oder eine archivinterne Kennung, ist ungeprüft und deshalb oben nicht genannt. Zum Kolumbus-Orden: Verbindlich gilt, daß er zu Denvera und Washingtonia gehört; der im Archiv abgedruckte Regeltext nennt allerdings allein die Denvera als Stifterin, und die Kopfzeile des Archiveintrags lautet „Denvera (197)“ — der Name des einen Reyches mit der Nummer des anderen. Diese Abweichung wird hier benannt, nicht geglättet.
Geschichte der Schlaraffia
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
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